Wenn ein Kind blind zur Welt kommt oder in seinen frühen Lebensjahren erblindet, ist dies in der Regel zunächst ein Schock für die Eltern. Neben der Verarbeitung der Diagnose stellt sich oft schon bald die Frage nach der weiteren Entwicklung des Kindes. Wird es sich „normal“ entwickeln? Braucht es eine besondere Förderung? Was kannst Du tun, um Dein Kind bestmöglich zu fördern und zu unterstützen?
Keine Sorge, mit diesen Fragen bist Du als Elternteil nicht alleine. Viele andere Eltern blinder Kinder stellen sich die gleichen Fragen – und es gibt spezialisierte Frühförderstellen, die Dir und Deinem Kind bei allen weiteren Schritten helfen. In diesem Artikel stellen wir Dir die wichtigsten Ziele und Vorgehensweisen der Frühförderung von blinden Kindern vor. Du erhältst außerdem hilfreiche Tipps für den Alltag und den Umgang mit Deinem blinden Kind. Zum Abschluss nennen wir Dir weiterführende Links, an die Du Dich mit weiteren Fragen wenden kannst.

 

Warum benötigen blinde Kinder eine spezielle Frühförderung?

Das Wichtigste vorweg: Blinde Kinder können nahezu alle Fähigkeiten genauso erlernen, wie es auch sehende Kinder können. Allerdings benötigen sie dafür in der Regel mehr Zeit als ihre sehenden Altersgenossen und eine besondere Unterstützung. Blinde Kinder nehmen ihre Umwelt anders wahr als sehende Kinder. Statt ihre Umgebung visuell zu erkunden, sind sie vor allem auf den Hör- und den Tastsinn angewiesen, um sich in der Welt zu Recht zu finden. Da ein entscheidender Wahrnehmungsbereich wegfällt, ist es umso wichtiger, die anderen Wahrnehmungsbereiche von Anfang an gezielt zu fördern.
Die Frühförderung von blinden Kindern beschränkt sich jedoch nicht auf den Bereich der Wahrnehmung, sondern hat immer die Gesamtentwicklung des Kindes im Blick. Auch die Motorik, die Sprachentwicklung, das Denken und Lernen, die soziale Entwicklung des Kindes und seine Selbstständigkeit sind wesentliche Förderbereiche. Dabei betrachtet die Frühförderung von blinden Kindern jedes Kind als Einzelfall und wählt gezielt aus, welche Förderbereiche für Dein Kind relevant sind. Die Begleitung und Beratung der Eltern nimmt immer einen großen Stellenwert ein.

Was sind die Ziele der Frühförderung von blinden Kindern?

Die Blindheit hat komplexe Auswirkungen auf die Gesamtentwicklung Deines Kindes. Daher ist eine frühzeitige, spezialisierte Frühförderung von blinden Kindern wichtig. Diese bezieht sich je nach individuellem Bedarf auf alle Entwicklungsbereiche. Das wichtigste Ziel ist stets, alle durch den Sehverlust entstandenen Einschränkungen soweit wie möglich zu kompensieren, um Deinem Kind eine optimale Entwicklung zu ermöglichen. Das Blindsein soll Deinem Kind keine Grenzen setzen – stattdessen soll es lernen, sein Leben mutig und selbstständig zu erkunden!

Wo finde ich eine spezielle Frühförderung von blinden Kindern?

Mittlerweile hat sich in Deutschland ein nahezu flächendeckendes Netz an speziellen Frühförderstellen für blinde Kinder entwickelt. Die meisten dieser Frühförderzentren sind an Schulen für Blinde und Sehbehinderte angegliedert, sodass diese die Kinder von der Geburt bis zum Schulbeginn begleiten. Außerdem gibt es spezialisierte Bildungszentren, die Frühförderung von blinden Kindern anbieten. Die Teams der Frühförderstellen sind in der Regel interdisziplinär aus Ärzten, Psychologen, Heilpädagogen sowie Therapeuten zusammengesetzt. Dies ermöglicht eine optimale Versorgung unter verschiedenen Blickwinkeln.
Die Frühförderung ist für Deine Familie kostenlos. Sie wird in der Regel als Komplexleistung nach § 30 SGB IX finanziert und von Krankenkassen sowie Sozialämtern getragen.
Hier findest Du die Frühförderstellen mit Kontaktdaten in Deiner Nähe.

Wie läuft die Frühförderung von blinden Kindern ab?

Nach der Anmeldung wird die Frühförderstelle eine umfassende Entwicklungsdiagnostik mit Deinem Kind durchführen. Dabei klären Ärzte, Psychologen und Heilpädagogen, ob und in welchen Bereichen bei Deinem Kind ein Förderbedarf besteht. Im Fokus stehen dabei die Fragen, wie sich die Blindheit auf die Entwicklung auswirkt und welche Unterstützung für Dein Kind passend ist. Anschließend werden die Untersuchungsergebnisse in einem Elterngespräch thematisiert und ein entsprechender Förderplan erstellt.
Die Förderung findet einzeln oder in Kleingruppen entweder in den Räumen der Frühförderstelle, im Kindergarten oder bei Eurer Familie zu Hause statt. Sie sollte möglichst früh beginnen (in den ersten Lebensmonaten), regelmäßig stattfinden (wöchentlicher, kein 14-tägiger Rhythmus) und die Eltern kontinuierlich einbeziehen.

Was sind die Inhalte der Frühförderung von blinden Kindern?

Wahrnehmung

Da blinden Kindern der Sehsinn zur Erkundung ihrer Umwelt fehlt, legt die Frühförderung einen großen Schwerpunkt auf die Schulung der übrigen Sinne. Neben dem Hören ist der Tastsinn für blinde Kinder von großer Bedeutung. Dein Kind lernt, dass es über das Fühlen und Ertasten von Gegenständen viel Neues erfahren kann und ihm werden hierzu immer wieder neue Materialien angeboten. Dabei zeigt Dir die Frühförderkraft, wie Du Deinem Kind gleichzeitig durch Beschreibung von Namen, Funktion, Material, Aussehen und Verwendung der Gegenstände wichtige Informationen gibst.
Das Hören nimmt in der Frühförderung von blinden Kindern ebenfalls einen hohen Stellenwert ein. Spielerisch lernt Dein Kind, Geräusche zu erkennen, zu unterscheiden und im Raum zu orten. Du bekommst außerdem gezeigt, wie Du Deinem Kind mit Hörspielen, Musik, Tonaufnahmen und ähnlichem immer wieder neue Anreize setzt.

Bewegung

Blinde Kinder (und ihre Eltern!) müssen lernen, sich trotz ihrer Einschränkung mutig zu bewegen, zu rennen, zu klettern, Roller oder Fahrrad zu fahren. Die Frühförderkraft zeigt Dir, wie Du Dein Kind zu immer neuen Bewegungsmustern ermutigst und es dabei unterstützt.

Sprache

Auch die Sprachförderung ist Bestandteil der Frühförderung von blinden Kindern. Da blinden Kindern Gestik und Mimik ihrer Gesprächspartner als Hinweise entgehen und sie Alltagsgegenstände und -handlungen nicht sehen, bleibt ihnen vieles ohne zusätzliche Erklärungen abstrakt und unklar. In der Frühförderung lernt Ihr, wie Ihr diese Einschränkungen ausgleichen könnt. Du kannst Deinem Kind erklären und es erfühlen lassen, wie andere Menschen mit Mimik, Gestik und Körperhaltung etwas ausdrücken. Du kannst ihm Modelle von größeren Gegenständen, beispielsweise Tieren oder dem eigenen Haus, zum Ertasten anbieten. In der Frühförderung lernst Du, worauf es dabei ankommt und wie Du mit diesen Modellen umgehst, damit Dein Kind sein Sprachvermögen gut entwickeln kann.

Soziale Fähigkeiten

Die Frühförderung von blinden Kindern legt großen Wert auf das gemeinsame Spiel mit anderen Kindern und auf Sozialkontakte. Blinde Kinder erleben den Kontakt zu Gleichaltrigen anders als sehende Kinder. Häufig brauchen sie Unterstützung in der Anbahnung von Spielkontakten. Manchmal findet die Frühförderung daher in Kleingruppen statt, damit Dein Kind lernt, wie es mit anderen Kindern statt neben ihnen spielt. Ebenso müssen sehende Kinder erst lernen, wie sie blinde Kinder ins Spiel einbeziehen und wie Du als Erwachsener ein solches Spiel begleitest. Eine pädagogische Frühförderung begleitet und unterstützt auch den Kindergartenbesuch Deines Kindes und berät Dich und die Erzieher, wie die Integration in die Gruppe am besten gelingt.

Elternberatung

Zu einer fundierten und qualifizierten Frühförderung von blinden Kindern gehört immer eine intensive Beratung und Begleitung der Eltern. Du als Elternteil bist der Hauptansprechpartner für die Frühförderkraft sowie letztlich der „Experte“ für Dein Kind. Eine gute Frühförderung findet daher immer in enger Zusammenarbeit mit den Eltern statt. Mögliche Gesprächsthemen sind:

  • Entwicklungs- und Erziehungsberatung
  • Fördermöglichkeiten im Alltag
  • geeignetes Spielmaterial
  • passende Kindertagesstätten und Schulen
  • Versorgung mit Hilfsmitteln
  • Vermittlung an weiterführende Hilfen (Ärzte, Therapeuten)
  • sozialrechtliche Fragen

Spezielle Themen der Frühförderung von blinden Kindern

Echoortung/ Klicksonar

Das Klicksonar ist eine wichtige Methode, die blinden Menschen die Orientierung im Raum und das Erkennen von Objekten erleichtert. Es ermöglicht die Echoortung über die auditive Rückmeldung zu einem Klickgeräusch – dem Schnalzen mit der Zunge. Damit können blinde Menschen Orte oder Objekte in ihrer dreidimensionalen Beschaffenheit erfassen.
Die Frühförderung von blinden Kindern führt Dein Kind und Dich möglichst früh an diese Methode heran. Die Frühförderin zeigt Dir, wie Du mit der Zunge klickst, wenn Du Dich mit Deinem Kind einem größeren Objekt näherst oder einen Raum betrittst. Dein Kind übt, verschiedene Objekte anzuklicken, anzufassen, zu ertasten und einzuordnen. Durch eine solche frühe Förderung kann die Methode des Klicksonars im späteren Leben eine große Orientierungshilfe bieten.

Umgang mit dem Langstock

Blinde Kinder sollten sich bereits vor dem Laufen an den Umgang mit einem Langstock als Tastwerkzeug gewöhnen. Sie können den Stock zum Erforschen und Ertasten ihrer Umwelt nutzen. Wenn sie laufen lernen, hilft er ihnen bei der Orientierung und bietet daher Freiheit und Unabhängigkeit. Mit etwa 4- bis 5-jährigen Kindern kann ein gezieltes Mobilitätstraining mit dem Stock begonnen werden.
Mittlerweile gibt es für alle Altersgruppen geeignete Kinderlangstöcke, die in der Regel von den Krankenkassen finanziert werden. Die Frühförderung berät Dich bei der Auswahl des Langstocks und übt mit Deinem Kind, diesen zu nutzen.

Heranführung an die Braille-Schrift

Mit der Heranführung an die Blindenschrift, Braille-Schrift genannt, sollte ebenfalls schon in den ersten Lebensjahren begonnen werden. Beispielsweise kannst Du Zimmertüren, Bücher und CDs mit Braille-Schrift beschriften, damit Dein Kind sich schon früh an das Ertasten dieser Zeichen gewöhnt – auch wenn es sie natürlich noch nicht lesen kann. In der Frühförderung von blinden Kindern lernst Du, wie Ihr Braille-Schriftzeichen schon früh nutzt, um Deinem Kind den Schriftspracherwerb zu erleichtern.

Quellen und weiterführende Links
www.bebsk.de (Bundesvereinigung Eltern blinder und sehbehinderter Kinder e.V., letzter Aufruf 12.01.2019)
www.blista.de (Bundesweites Kompetenzzentrum für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung, letzter Aufruf 12.01.2019)
www.anderes-sehen.de (Verein zur Förderung blinder Kinder, letzter Aufruf 12.01.2019)
www.eliseh.info (Elterninitiative sehgeschädigter Kinder zwischen Weser und Ems, letzter Aufruf 12.01.2019)

[give_form id=“293″ show_title=“true“ show_goal=“true“]

Kommentiere den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here