Vivien Kotschedoff

Mein Name ist Vivien, ich bin 34 Jahre alt und die jüngere Schwester einer sehbehinderten Powerfrau. Ich möchte versuchen hier einen kleinen Einblick darauf zu geben, wie die Welt mit den Augen des Geschwisterkindes eines blinden oder sehbehinderten Menschen in Kindheit und Jugend aussehen kann und mit welchen Schwierigkeiten dieses selbst zu kämpfen hat.

Ich konnte sehen, sie nicht

Als die Sehbehinderung meiner Schwester Lina erkannt wurde, war sie gerade neun Jahre alt. Wir sind altersmäßig nur knapp zwei Jahre auseinander, daher haben wir uns schon in der Kindheit recht häufig in den gleichen Kreisen bewegt und vor allem die ohnehin schon schweren Zeiten des Heranwachsens eng zusammen erlebt. Das hat besonders als Jugendliche nicht selten zu Schwierigkeiten zwischen uns geführt, denn während ich groß und schlank war, essen konnte was ich wollte und neben ein bisschen Heuschnupfen keinerlei gesundheitliche Einschränkungen hatte, war Lina klein und kräftig und musste auf vieles verzichten, da sie zu allem Überfluss noch diverse Nahrungsmittelallergien hatte. Und da war ja noch etwas: Ich konnte sehen, sie nicht. 

Ich habe mich oft schlecht gefühlt

Ich habe mich oft gefragt, womit ich es verdient habe es im Gegensatz zu ihr so viel leichter zu haben. Nicht selten habe ich mich deswegen auch schlecht und schuldig gefühlt. Immer, wenn ich Lina an Situationen verzweifeln sah, die für mich so einfach waren. Immer, wenn ich etwas machen konnte, was für sie unmöglich war.

Unsere Eltern haben sich natürlich vermehrt um die Förderung meiner Schwester gekümmert. Lina ist ein sehr selbstbewusster Mensch, der soweit möglich versucht alles allein zu meistern und sich durch die Einschränkung nicht abhängen zu lassen. Dieser Umstand kam aber in der Regel nicht gut an. Ein junger Mensch mit Behinderung, der Selbstbewusstsein, Ehrgeiz, Visionen und Ziele hat? Dann auch noch Eltern, die ihr Kind in diesem Wahnsinn unterstützen und es bestärken? Das war zu viel für die meisten. Wie oft habe ich meine Familie kämpfen sehen. Unsere Eltern gegen Behörden und Lehrer, meine Schwester vor allem gegen Lehrer. 

Ein Beispiel aus dem Alltag unserer Kindheit

Ich selbst musste zwar nie für Lina kämpfen, doch ich musste sie oft verteidigen. Linas selbstbewusstes Auftreten und ihre Art, selbstbestimmt durchs Leben zu gehen, macht es den Menschen schwer zu glauben, dass sie fast blind ist. Ein kleines Beispiel aus dem Alltag unserer Kindheit: Dieses selbstbewusste Auftreten in Kombination mit dem Fakt, dass sie Menschen, die ihr entgegenkommen und zunicken, sie anschauen oder anlächeln nicht sehen kann, hatte durch die Bank weg immer eine Reaktion zur Folge: Die hält es nicht einmal für nötig zurück zu grüßen. Mein Gott, ist die eingebildet. Wieso ist die so arrogant? Hält die sich für was Besseres? Und wie es in der Natur des Menschen liegt, ist keiner direkt auf Lina zugegangen und hat sie einfach mal gefragt: „Hey, hast du mich nicht gesehen?“ Oder „Hey, was ist los mit dir? Wieso grüßt du mich nicht?“ Wäre es immer so gelaufen, dann hätte jeder die Antwort bekommen: „Ich habe eine Sehbehinderung und kann dich nicht erkennen, wenn du mir begegnest. Sprich mich einfach an, wenn du mich siehst dann nehme ich dich wahr und kann dich an deiner Stimme erkennen.“ Aber nein, anstatt den direkten Weg zu gehen kamen die meisten zu mir. Doch nicht, um mich zu fragen, wie sie es auch direkt bei Lina machen könnten. Nein, sie kamen zu mir, um sich bei mir über das „Verhalten“ meiner Schwester zu beschweren. Und so kam es, dass ich mich oft in der Position sah meine Schwester verteidigen zu müssen. Zu erklären, dass Lina weder unfreundlich noch eingebildet ist, sondern sehbehindert und die Menschen um sich herum einfach nicht erkennen kann, wenn sie sich nicht des Mittels der verbalen Kommunikation bedienen.

Keinen Kummer bereiten

Es ist unter solchen Umständen absolut legitim, dass die Aufmerksamkeit der Eltern sich bei mehreren Kindern etwas ungleich verteilt. Als Kind ist es jedoch nicht so einfach. Man sieht die Eltern teilweise am Limit und möchte ihnen nicht zusätzlichen Kummer bereiten, denn was sind schon die eigenen „normalen“ Probleme gegen dieses Monstrum an Unverständnis und Starrsinn der Gesellschaft? Also macht man sich möglichst klein und unsichtbar, pflegeleicht. 

Was macht es mit dir, wenn du deine Schwester liebst, für sie da sein und ihr helfen, aber auch gerne unbeschwert deine Kindheit genießen möchtest? Es stürzt dich in einen inneren Konflikt. Ihr zur Seite zu stehen, wenn es sein musste war für mich immer selbstverständlich und doch gab es auch Situationen, in denen ich gerne keine Rücksicht genommen und mich nur um mich gekümmert oder mehr Aufmerksamkeit von unseren Eltern bekommen hätte und für diese Gedanken habe ich mich dann oft geschämt.

Das wahrscheinlich Wichtigste

Es war wirklich nicht immer leicht, für keinen von uns. Doch, wenn jeder füreinander da ist, dann ist alles zu schaffen und jedem Bedürfnis kann Rechnung getragen werden. 

Wenn du die Schwester oder der Bruder eines blinden oder sehbehinderten Menschen bist, dann steh ihm oder ihr zur Seite. Habe Verständnis für die Wut, die vielleicht manchmal an dir ausgelassen wird. Sie ist nicht persönlich gemeint, sie ist nur das Ventil für eine Verzweiflung die schwer zu fassen ist. Aber stehe auch für dich ein und stelle dich nicht selbst in die zweite Reihe. 

Bist du selbst blind oder sehbehindert und hast Geschwister, dann versuche sie nicht dafür zu hassen, dass sie dein Schicksal nicht teilen. Aber verstecke dich auch nicht hinter deiner Behinderung! Leihe dir die Augen deiner Geschwister und findet gemeinsam Wege zu einem harmonischen Miteinander. 

Bist du Elternteil mehrerer Kinder, sowohl sehend als auch blind oder sehbehindert, dann öffne deine Augen auch für dein sehendes Kind. Neben allen Sorgen und Problemen deines blinden oder sehbehinderten Kindes scheinen die Probleme des sehenden Kindes geradezu nichtig zu sein, doch für dein Kind selbst sind sie zeitweilen gigantisch und existenziell.

Heute sind wir groß

Wir haben jetzt, da wir erwachsen sind, ein großartiges Verhältnis zueinander. Ich „leihe“ meiner Schwester immer gerne meine Augen, um sie im Alltag zu unterstützen. Es ist mir in Fleisch und Blut übergegangen ihr die notwendige Hilfe zu geben die sie braucht, um selbstbestimmt durchs Leben zu gehen, wenn ich mit ihr unterwegs bin. Und ich bin jeden Tag aufs Neue fasziniert davon wie sie ihr Leben meistert und wie viel sie anstößt und umsetzt, mit einer Energie für zehn Menschen. Sie ist mir in vielen Dingen ein absolutes Vorbild. Und umgekehrt ist sie immer für mich da, berät mich und gibt mir Kraft, wenn ich an meinen „normalen“ Problemen verzweifle und würde alles Menschenmögliche tun, nur um mir zu helfen, wenn ich sie darum bitte. Ich bin wirklich dankbar dafür sie als Schwester zu haben. Und ich weiß, dass es umgekehrt genauso ist.

2 Kommentare

  1. Einfach grossartig. Die Tränen kommen mit nah. Ich habe die Geschwister sehr nah mal gekannt und alles läuft wie ein Film. Parabéns Vivica für diese grossartig Artikel. Parabéns Lisa por esta força de vontade sem limites.

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