Kinderlangstock

Schätzungen der World Health Organization (WHO) aus dem Jahr 2005 haben ergeben, dass in Deutschland wahrscheinlich in etwa 1,2 Millionen blinde Menschen leben. Verlässliche Zahlen gibt es hierzu leider nicht. Ebenso wenig lässt sich feststellen, wie viele blinde oder sehbehinderte Menschen einen sogenannten Blindenstock bzw. Langstock zur Orientierung nutzen. Fest steht jedoch, dass ein solcher Blindenstock eine hervorragende Hilfe darstellt und dem Blinden eine weitgehend selbstständige Mobilität ermöglicht. Voraussetzung dafür ist, dass blinde Kinder schon früh den Umgang mit dem Blindenstock erlernen. Je eher sie sich an einen Blindenstock gewöhnen, desto größer ist die Selbstverständlichkeit und Akzeptanz, mit der sie ihn auch später verwenden werden.
In diesem Artikel stellen wir Dir die wichtigsten Grundlagen der Nutzung von Blindenstöcken sowie Kinderlangstöcken vor. Du erfährst, welche verschiedenen Arten von Stöcken es gibt und wie Du den richtigen Kinderlangstock für Dein Kind auswählst. Weiterhin erklären wir Dir, wann und wie Du damit beginnen solltest, Dein Kind an den Kinderlangstock zu gewöhnen. Außerdem informieren wir Dich über die Kostenübernahme des Blindenstocks als anerkanntes Hilfsmittel durch die Krankenkassen.

Wozu dient ein Blindenstock?

Der Blindenstock, auch Langstock genannt, ist ein Hilfsmittel für blinde und sehbehinderte Menschen. Er hilft ihnen, sich sicher und selbstständig zu orientieren. Die Erfinderin des Langstocks war Guilly d’Herbemont, die bereits im Jahr 1930 den ersten Blindenstock in Paris vorstellte. Nach Ende des 2. Weltkriegs war es Richard Edwin Hoover, der 1945 den Langstock weiter entwickelte und erstmals ein gezieltes Training zu dessen Handhabung vorstellte. Der Langstock wurde nach ihm auch Hoover-Cane genannt. Mittlerweile ist der Weiße Langstock in Deutschland als Verkehrsschutzzeichen anerkannt. Neben der Orientierungshilfe für den blinden Menschen dient er auch als Signal, das sehende Menschen darauf hinweist, auf den Nutzer Rücksicht zu nehmen. Sehende erkennen einen Menschen mit Sehschwäche sofort an dem Blindenstock, können ausweichen oder dem Blinden in schwierigen Situationen ihre Hilfe anbieten.
Mit Hilfe des Blindenstocks erkennen blinde Menschen einerseits Hindernisse, die ihnen den Weg versperren. Unterschiedliche Techniken zur Nutzung des Langstocks ermöglichen es, Hindernisse auf dem Boden, aber auch oberhalb des Bodens rechtzeitig wahrzunehmen. Beispielsweise werden parkende Autos erkannt und können umgangen werden. Dies hilft blinden Menschen, die zu Fuß unterwegs sind, sich ihren freien Weg zu ertasten.

Abstände bestimmen & Objekte erkennen

Weiterhin dient ein Blindenstock auch der Bestimmung von Abständen und Größen verschiedener Objekte. Durch das Hin- und Herschwingen des Stocks kann der blinde Nutzer beispielsweise den Abstand zu einer Hauswand oder zur Bordsteinkante ertasten. Außerdem kann der Blindenstock auch dazu benutzt werden, die Höhe und den Abstand von Treppenstufen zu erkennen und diese damit sicher und selbstständig zu bewältigen.
Fortgeschrittene, erwachsene Nutzer haben häufig auch gelernt, den Blindenstock zum Ertasten spezieller Hinweise auf dem Boden zu nutzen. Extra angelegte Blindenleitsysteme mit Erhebungen und Markierungen gibt es mittlerweile in vielen Städten Deutschlands. Sie können auf diese Weise mit dem Blindenstock erspürt werden. Auch flache Hindernisse und Kanten wie beispielsweise Teppichkanten oder Türschwellen erkennt der Blinde mit Hilfe des Blindenstocks. Ebenso nutzen Blinde den Blindenstock zum Aufspüren von Eingängen, Türen oder Hausecken. Damit gibt ihnen der Stock insgesamt wertvolle Hinweise zur Orientierung in bekannter und unbekannter Umgebung. Mit viel Erfahrung ist es dem Blinden auf diese Weise auch möglich, eine Art dreidimensionales Umgebungsbild vor seinem inneren Auge zu erstellen. Indem er Objekte mit dem Stock abtastet, gewinnt er einen Eindruck von Größe und Form der Gegenstände sowie von Steigungen und Gefällen.

Die wichtigsten Techniken zur Nutzung des Blindenstocks im Überblick:

  • Pendeltechnik: zum Ertasten von Hindernissen und Abständen
  • Schleiftechnik: zum Aufspüren flacher Orientierungspunkte und Markierungen
  • Doppelpunkttechnik: zur Orientierung und zum Verständnis der Umgebung
  • Diagonaltechnik: zum Finden von Türen oder Öffnungen
  • Trailingtechnik: spezielle Technik zum Einsatz der Finger beim Aufspüren von Türen, in der Regel kombiniert mit der Diagonaltechnik
  • Treppentechnik: zum Erspüren von Stufenhöhen und Treppenenden

Dieser kurze Überblick verdeutlicht, wie vielseitig der Blindenstock als Hilfsmittel einsetzbar ist. Er zeigt jedoch auch, dass zum sicheren Umgang mit dem Blindenstock ein intensives Training und langjährige Übung erforderlich sind. Gerade deshalb ist es wichtig, blinde Kinder möglichst früh mit einem Kinderlangstock zu versorgen und sie an ihn zu gewöhnen.

Ab wann brauchen blinde Kinder einen Kinderlangstock?

Der sichere Umgang mit einem Blindenstock hängt wesentlich davon ab, dass ein blindes Kind so früh wie irgend möglich einen eigenen Kinderlangstock zur Verfügung gestellt bekommt. Je früher der Beginn, desto besser. Vereine setzen sich seit einigen Jahren stark dafür ein, dass blinde Kinder bereits bevor sie laufen können ihren ersten Kinderlangstock erhalten. Es ist für blinde Kinder essentiell, den Blindenstock so früh wie möglich als sinnvolles, wertvolles und hilfreiches Instrument kennen zu lernen – ihn wie einen Freund als ständigen Begleiter bei sich zu tragen.

Ab dem 1. Lebensjahr

Zunächst wird ein 1-jähriges Kind den Kinderlangstock wie ein Spielzeug verwenden, ihn drehen, befühlen, in den Mund nehmen. Doch schon bald entdecken selbst 1-Jährige, dass ein solcher Blindenstock wie eine natürliche Erweiterung des eigenen Explorationsradius verwendet werden kann. Ein wesentlicher Vorteil liegt darin, dass dem Kind so schon früh seine Unabhängigkeit von der Führung durch einen Erwachsenen vermittelt wird. Ohne einen Blindenstock bleibt das blinde Kind vor allem außerhalb der gewohnten Umgebung von der Hand eines Erwachsenen abhängig und wird schlimmstenfalls auch später immer auf Begleitung angewiesen sein. Blinde Kinder sollten sich daher schon vor dem Laufen an den Kinderlangstock als Tastwerkzeug gewöhnen, damit sie ihn später umso selbstverständlicher einsetzen.

Ein Langstock bedeutet Unabhängigkeit und Freiheit

Ein Blindenstock bietet dem blinden Kind Unabhängigkeit und die Freiheit, selbst zu entscheiden, wohin es sich bewegen möchte. Es kann so bereits früh seinem natürlichen Bewegungs- und Explorationsdrang folgen und die Umwelt erkunden. Eine frühe Versorgung mit einem Kinderlangstock ist nach diesem Verständnis ein entscheidender Beitrag zur Lebensqualität und weiteren, gesunden Entwicklung eines blinden Kindes. Selbst wenn Dein Kind noch nicht laufen kann, kann es den Kinderlangstock nutzen, um Objekte zu berühren, zu ertasten und zu erforschen. Der Kinderlangstock leistet damit einen wichtigen Beitrag zur schrittweisen Entdeckung der Welt.

1. bis 6. Lebensjahr

Für Kinder zwischen einem und sechs Jahren wird in der Regel ein einteiliger, besonders leichter Kinderlangstock in der Größe des Kindes empfohlen. Da die Kinder in diesem Alter noch einen besonders hohen Bewegungs- und Erkundungsdrang haben, ist ein längerer Stock empfehlenswert. Auf diese Weise haben die Kinder einen größeren Radius, sozusagen mehr „Voraussicht“, mit der sie ihre Umwelt erforschen. Ab einem Alter von etwa 7 Jahren sollte der Stock dann etwa bis zur Nase des Kindes reichen. Ab der Pubertät genügt ein Blindenstock, der in etwa kinnlang ist.
Insgesamt gilt, dass Du Deinem blinden Kind so früh wie möglich einen Kinderlangstock anbieten solltest. Die Akzeptanz des Blindenstocks als „Sehwerkzeug“ wird sich dadurch enorm verbessern. Bei einem Kinderlangstock handelt es sich jedoch, anders als bei Langstöcken für Erwachsene, nicht um ein anerkanntes Verkehrsschutzzeichen. Selbstverständlich muss jedes Kind im Straßenverkehr verantwortungsvoll beaufsichtigt und begleitet werden.

Wie findest Du den passenden Kinderlangstock für Dein Kind?

Bezüglich der Bauweise und Beschaffenheit des Blindenstocks gibt es sehr viele verschiedene Varianten, sodass Dir die Auswahl möglicherweise zunächst schwer fällt. Am besten lässt Du Dich vor der Auswahl des ersten Kinderlangstocks für Dein Kind von einer Fachperson beraten, beispielsweise durch einen Orthoptisten, Augenarzt, Mobilitätstrainer oder die Frühförderung für blinde Kinder.
Die unterschiedlichen Varianten des Blindenstocks reichen von einteiligen Stöcken bis zu mehrteiligen Teleskop- oder Faltstöcken aus verschiedenen Materialien. Für Kleinkinder ist es wichtig, dass ihr Kinderlangstock gleichzeitig robust undstabil, aber auch besonders leicht ist. Der einteilige Blindenstock ist die einfachste und leichteste Bauart und daher besonders für Kinder geeignet. Er vermittelt außerdem das beste Tastgefühl, das in der frühen Erkundungsphase der Kleinkinder wichtig ist. Teleskop- oder Faltstöcke dagegen sind eher für unterwegs geeignet, da sie platzsparend verstaut werden können. Auch bezüglich der Griffe und der

Die richtige Spitze

Stockspitzen gibt es zahlreiche verschiedene Varianten. Griffe aus Gummi sollen vor allem ein angenehmes Tragegefühl bieten. Bei den Stockspitzen kann zwischen verschiedenen Materialien und Formen, beispielsweise Halbkugeln, Kugeln oder der Birnenform gewählt werden. Die Auswahl richtet sich dabei nach den persönlichen Vorlieben und auch nach der Beschaffenheit des Bodens, auf dem sich der Blinde in der Regel bewegt. Da die Spitzen einem hohen Verschleiß ausgesetzt sind, sind sie auswechselbar.

Das wichtigste Kriterium

Für Kleinkinder gibt es einige zentrale Auswahlkriterien für den ersten Blindenstock. Der erste Kinderlangstock für ein blindes Kind zwischen einem und sechs Jahren sollte aus einem Stück bestehen und möglichst leicht sein. Die Hebelwirkung eines Blindenstocks ist nicht zu unterschätzen. Daher sollte das Gewicht ein Gramm pro Körperzentimeter nicht überschreiten. Bei einem Kind von etwa 90 cm Körpergröße darf der Kinderlangstock also maximal 90 g wiegen. Da die Hände der jüngsten Kinder ebenfalls noch sehr klein sind, ist ein möglichst leichter Griff zu wählen. Empfehlenswert sind besonders dünne Griffe von etwa 20 % der gesamten Stocklänge. Die bei Blindenstöcken für Erwachsene üblichen dicken Gummigriffe dagegen sind für kleine Kinder zu wuchtig und zu schwer. Auch die Spitze des Stocks sollte für den Anfang möglichst leicht sein. Am besten wählst Du eine Stockspitze in Birnen- oder Halbkugelform. In der Anfangsphase ist eine große Kugel eher ungeeignet, da sie häufig noch zu schwer ist.

Bezüglich der Stocklänge gilt:

  • bis 6 Jahre sollte der Stock die volle Körperlänge des Kindes umfassen
  • ab etwa 7 Jahren sollte der Kinderlangstock bis zur Nase reichen
  • ab der Pubertät sollte der Langstock etwa bis zum Kinn reichen

Dies bedeutet, dass Du Dich zumindest am Anfang in etwa jährlich um einen neuen Kinderlangstock in der richtigen Länge kümmern musst.
Weiterhin empfehlen wir Dir, für Dein Kind von Anfang an zwei Kinderlangstöcke anzuschaffen. Ein viel genutzter Kinderlangstock sollte immer schnell und unkompliziert ersetzbar sein, falls er einmal zerbricht oder verloren geht. Gerade bei jüngeren Kindern wird dies häufig der Fall sein. Du solltest Dir daher von Deinem Kinder- oder Augenarzt von vorneherein ein Rezept für einen Kinderlangstock und einen Ersatzstock geben lassen.

Wie gewöhnst Du Dein Kind an einen Kinderlangstock?

Am Anfang wird Dein Kind den Blindenstock wahrscheinlich als Spielzeug begreifen. Es wird ihn befühlen, betasten, umher rollen und in den Mund stecken. Das ist völlig in Ordnung. In der Regel entdecken blinde Kinder jedoch schon bald, dass sie den Kinderlangstock quasi als verlängerten Arm zum Ertasten, Befühlen und Auffinden von Gegenständen und Spielzeugen nutzen können. Der leichte Kinderlangstock ermöglicht es ihnen, damit Dinge zu berühren, zu erforschen und zu erkennen.
Wichtig ist, dass dem Kind der Umgang mit dem Kinderlangstock Spaß machen soll. Der Stock soll zu einer Art Freund werden, zu einem ständigen Begleiter, den es gerne bei sich hat. Du kannst dies fördern, indem Du den Kinderlangstock kindgerecht gestaltest. Wähle einen Stock in einer schönen, ansprechenden Farbe aus. Auch wenn Dein Kind die Farbe des Stocks nicht sehen kann, erhöht ein „cooles“ Aussehen die Akzeptanz bei anderen Kindern. Gleiches gilt auch für ein süßes Stocktier, mit dem Du den Langstock lustig gestalten kannst. Ein solches Stocktier aus kuscheligem Material kann auch von Deinem blinden Kind erfühlt und wahrgenommen werden und lässt den Kinderlangstock schnell zu einem Freund werden. Dabei solltest Du allerdings darauf achten, dass das Tier nicht zu schwer ist. Es sollte maximal 10-15 g wiegen. Ihr könnt den Kinderlangstock außerdem verzieren und beispielsweise mit leicht erhabenen Schmucksteinchen bekleben. Gemeinsam mit Deinem Kind kannst Du dem Stock auch einen Namen geben. So wird der Kinderlangstock schnell zu einem lieben Begleiter für Dein Kind. Lasse Dich auf keinen Fall entmutigen, wenn Dein Kind den Stock zu Beginn ablehnt. Dies kommt häufig vor. Versuche immer wieder, Deinem Kind den Stock als Spielzeug anzubieten. Mache ihm auf keinen Fall Druck und schreibe ihm nicht vor, wie es den Stock benutzen soll. In aller Regel beginnen blinde Kinder bald von ganz alleine, den Stock zum Erfühlen und Ertasten zu nutzen. Wenn Du das Gefühl hast, dass Dein Kind noch nicht auf diese Idee kommt, fragst Du am besten eine spezialisierte Frühförderkraft um Rat. Diese hat bestimmt noch weitere Spielideen, wie Dein Kind den Stock langsam schätzen lernen kann.

Übe immer wieder spielerisch

Die früher verbreitete Ansicht, dass ein Blindenstock immer an ein Mobilitätstraining gekoppelt ist, gilt mittlerweile als veraltet. Dennoch ist es sinnvoll, auch jüngere Kinder in der Gewöhnung an den Kinderlangstock zu unterstützen und ihm dessen richtige Verwendung spielerisch zu zeigen. Wenn Du mit Deinem Kind die Frühförderung für blinde Kinder besuchst oder Ihr von einer Frühförderkraft zu Hause unterstützt werdet, kann der Kinderlangstock dort thematisiert werden. Wenn ein kleines Kind einen Kinderlangstock in der Hand hat, will und darf es sich damit auch „cool“ fühlen. Es ist wichtig, dem Kind nicht zu viele Vorschriften zu seiner Nutzung zu machen. Dennoch gibt es ein paar Grundregeln, die Dir bei den ersten Schritten mit dem Kinderlangstock helfen.

Der erste Schritt

Die von Kindern meist intuitiv angenommene Handhaltung entspricht am ehesten dem sogenannten „Gunslinger Mode“, übersetzt der „Revolverhelden-Haltung“. Der Arm hängt dabei locker herunter. Der Stock wird locker in die natürliche Haltung der Hand hineingelegt. Der Daumen zeigt nach vorne. Auf diese Weise übt Dein Kind eine lockere, entspannte Haltung des Kinderlangstocks. Keinesfalls darf das Halten des Stocks anstrengend sein oder die Gelenke belasten. Daher sind andere Varianten der Handhaltung für kleine Kinder weder geeignet noch hilfreich und sollten erst später erlernt werden.

Weitere Grundregeln sind:

  • Die Stockspitze bleibt beim Laufen immer auf dem Boden.
  • Der Stock sollte nicht als Gehhilfe oder Stütze gebraucht werden.
  • Ihr solltet den Stock immer mitnehmen, sowohl von einem Zimmer ins nächste, als auch, wenn Ihr das Haus verlasst.
  • Auch wenn Du Dein Kind an der Hand führst, sollte es mit Stock aktiv neben Dir gehen.
  • Dein Kind sollte nicht das Gefühl bekommen, dass es mit dem Stock immer alleine gehen muss. Selbstverständlich fühlt es sich an Deiner Hand nach wie vor am sichersten.
  • Setze Dein Kind nicht unter Druck, den Stock korrekt zu verwenden. Der Kinderlangstock soll Spaß machen!
  • Mit dem Stock darf auch gespielt werden!
  • Wenn der Stock kaputt gehen sollte, sorgst Du am besten so schnell wie möglich für Ersatz.
  • Ansonsten passt bitte immer gut auf den Stock auf, damit er nicht verloren geht. Verleihe ihn nicht. Er ist sehr wichtig für Dein Kind!

Wann ist ein Orientierungs- und Mobilitätstraining sinnvoll?

Das Orientierungs- und Mobilitätstraining, kurz O&M, ist ein spezielles Trainingsprogramm für blinde und sehbehinderte Menschen. Es soll ihnen helfen, sich sicher und selbstständig zu orientieren und eigenständig mobil zu sein. Konkret lernen blinde Menschen in diesem Training den sicheren Umgang mit dem Blindenstock und üben verschiedene Techniken zu dessen effektiver Nutzung ein.
Richard Edwin Hoover begann während und nach dem 2. Weltkrieg damit, blinde Menschen hinsichtlich ihrer Mobilität zu unterstützen und systematisch im Umgang mit dem Blindenstock zu trainieren. Dies hing wesentlich mit den zahlreichen im Krieg verwundeten und erblindeten Soldaten zusammen, denen er helfen wollte.
Ziel des Orientierungs- und Mobilitätstrainings ist es, den blinden oder sehbehinderten Menschen darin zu unterrichten, sich im natürlichen Umfeld sicher zu bewegen. Damit dies gelingt, braucht der Mensch sowohl ein sicheres Gefühl für den eigenen Körper als auch für seine Umwelt. Nur so kann er beides miteinander in Einklang bringen. Gerade bei Menschen, die von Geburt an blind sind, müssen diese Bereiche gezielt gefördert werden. Menschen, die erst später in ihrem Leben erblindet sind, haben es diesbezüglich häufig etwas leichter.

Das klassische Orientierungstraining

Das klassische Orientierungs- und Mobilitätstraining beinhaltet einerseits die unterschiedlichen Gehtechniken mit dem Langstock. Beim Laufen muss die Stockspitze permanent im Rhythmus der eigenen Schritte geschwungen werden. Zum Ertasten von Gegenständen, Hindernissen, Türen oder Treppen gibt es ebenfalls spezielle Techniken, die einige Übung erfordern. Andererseits werden auch die übrigen Sinne, wie der Gehör-, Geruchs-, Temperatur- und Tastsinn in das Training einbezogen. Das Erlernen dieser Techniken wird eng begleitet, bis es sich durch häufige Wiederholungen soweit automatisiert, dass der Blinde sich selbstständig orientieren kann. Zum Training gehört immer auch die psychologische Unterstützung, beispielsweise um Ängste vor dem Straßenverkehr zu bewältigen und seine eigenen Fähigkeiten sicher einschätzen zu lernen. Ausgebildete Mobilitätstrainer müssen viele Stunden selbst mit einer Augenbinde üben, um sich in die Situation des Blinden hineinversetzen zu können. Grundsätzlich muss ein Mobilitätstrainer jedoch sehen können, da er Gefahren erkennen und den Blinden schützen muss. In bedrohlichen Situationen greift er ein. Außerdem korrigiert er Stockhaltung und -technik und überwacht den Lernfortschritt. Ausgebildete Orientierungs- und Mobilitätstrainer arbeiten in der Regel an Schulen für Blinde und Sehbehinderte oder in Rehabilitationseinrichtungen. Es gibt jedoch auch freiberufliche Mobilitätstrainer.

Lernfähigkeit schon früh trainieren

In Deutschland war ein gezieltes Orientierungs- und Mobilitätstraining lange Zeit ausschließlich an die Versorgung mit einem Blindenstock im Grundschulalter gekoppelt. Krankenkassen gingen davon aus, dass es sich lediglich um ein gezieltes Langstocktraining handelt, dass Kinder erst ab dem Grundschulalter bewältigen können. Richtig ist, dass kleinere Kinder aufgrund ihrer kognitiven Fähigkeiten selbstverständlich noch nicht alleine außerhalb des Elternhauses mobil sein sollten. Dies gilt für blinde Kinder gleichermaßen wie für sehende Kinder. Doch ebenso selbstverständlich werden Kinder nicht erst im Grundschulalter mobil. Gerade in jüngeren Jahren besitzt das Gehirn eine erstaunliche Lernfähigkeit, die bereits möglichst früh für ein Orientierungstraining genutzt werden sollte. Daher ist ein Mobilitätstraining auch schon für etwa 4-5-jährige Kinder sinnvoll. Du solltest darauf bestehen und bei den Krankenkassen entsprechend argumentieren.
Bis zum Beginn der Grundschule ist in Deutschland die Frühförderung für das Orientierungs- und Mobilitätstraining zuständig. Viele Frühförderkräfte für blinde Kinder sind entsprechend aus- und weitergebildet und helfen Dir gerne. Im Zweifelsfall kannst Du auch nach freiberuflichen Orientierungs- und Mobilitätstrainern in Deiner Nähe suchen, die mit Kindern arbeiten.

Wo bekommst Du einen Kinderlangstock?

Um einen Kinderlangstock für Dein Kind zu erhalten, wendest Du Dich zunächst an Deinen Kinder- oder Augenarzt. Dieser stellt Dir ein Rezept über einen Kinderlangstock aus, idealerweise auch gleich für einen Ersatzstock. Mit diesem Rezept wendest Du Dich dann an einen Hilfsmittelversorger. Dort wirst Du zur Auswahl des Stockes beraten und bei der Abwicklung der Kostenübernahme durch die Krankenkassen unterstützt.
Seit 2017 sind Kinderlangstöcke im Hilfsmittelverzeichnis der Krankenkassen gelistet. Diese müssen also die Kosten für die Versorgung mit einem Kinderlangstock übernehmen. Allerdings ist dies bei kleineren Kindern keine Selbstverständlichkeit. Jahrelang wurden Kinder in Deutschland erst ab dem Grundschulalter mit Kinderlangstöcken versorgt und noch heute erhalten viele Eltern zunächst Ablehnungsbescheide. Die Krankenkassen tun dies, um Kosten zu sparen. Du solltest dich mit einem solchen Ablehnungsbescheid jedoch auf keinen Fall zufrieden geben. Lass Dich im Zweifelsfall von einem Anwalt beraten und lege sofort Widerspruch gegen den Bescheid ein. Eine Mitgliedschaft in einem Verein oder Verband ist empfehlenswert, da diese Dich auch rechtlich beraten und unterstützen können. Als Elternteil eines blinden Kindes wirst Du (leider) vermutlich noch häufiger für die Rechte Deines Kindes bei der Hilfsmittelversorgung, dem Kindergarten- oder Schulbesuch kämpfen müssen.

Bei Ablehnung, immer Widerspruch einreichen

Immer wieder kommt es vor, dass die Krankenkassen die Kostenübernahme für angeforderte Hilfsmittel ablehnen. Dies ist nicht nur bei blinden Kindern der Fall, sondern auch in vielen anderen Bereichen. Obwohl Kinderlangstöcke mittlerweile im Hilfsmittelverzeichnis gelistet sind, kommt es nach wie vor zu Ablehnungsbescheiden. Hintergrund ist der Sparzwang der gesetzlichen Kassen in Deutschland. Fest steht jedoch, dass selbst nicht gelistete Hilfsmittel prinzipiell nicht von der Erstattung ausgeschlossen sind. Eine Verweigerung der Kostenübernahme kann daher nicht mit der fehlenden Nennung im Hilfsmittelverzeichnis begründet werden. Leider müssen Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen noch immer häufig für ihre Rechte und ihre Versorgung kämpfen.

Blinde Kinder sind keine Ausnahme

Blinde Kinder stellen dabei keine Ausnahme dar. In Deutschland herrschte lange die veraltete Ansicht vor, dass blinde Kinder erst ab dem Schulalter mit einem Kinderlangstock versorgt werden müssen. Die Versorgung mit einem Blindenstock war dabei immer an ein Orientierungs- und Mobilitätstraining gekoppelt, das mit jüngeren Kindern noch nicht gezielt durchführbar ist. Diese Meinung muss mittlerweile als überholt angesehen werden. Eine verspätete Versorgung mit einem Kinderlangstock beeinträchtigt die natürliche Bewegungsentwicklung Deines Kindes. Blinde Kinder, die früh an unterschiedliche Hilfsmittel herangeführt werden, bewegen sich natürlicher, kindgerechter und werden insgesamt selbstsicherer.

So bekommst Du einen Kinderlangstock (Schritt-für-Schritt-Anleitung):

1. Gehe zu Deinem Kinder- oder Augenarzt. Wenn der Arzt Dich und Dein Kind schon gut kennt, kannst Du dies alleine tun. Je nach Praxis kann es jedoch auch erforderlich sein, dass Du Dein Kind mitbringst.
2. Lasse Dir von Deinem Arzt ein Rezept über einen Kinderlangstock ausstellen. Am besten lässt Du Dir auch gleich einen Ersatzstock mit verordnen.
3. Wichtig ist, dass auf dem Rezept mit angegeben wird, ob der Stock ein- oder zweiteilig oder ein Faltstock (Telefaltstock TF) sein soll. Außerdem muss die Größe des Stockes angegeben werden (beim ersten Kinderlangstock in der Regel die Größe Deines Kindes).
4. Schicke das Rezept an einen Hilfsmittelversorger.
5. Der Hilfsmittelversorger reicht das Rezept bei Deiner Krankenkasse ein.
6. Nach erfolgter Genehmigung werden Dir die Langstöcke per Post zugesandt.
7. Falls Du einen Ablehnungsbescheid von Deiner Krankenkasse erhältst, lege sofort Widerspruch dagegen ein.
8. Wenn die Krankenkasse den Kinderlangstock dennoch nicht genehmigt, schalte einen Anwalt ein.
9. Setzte Dich für die Rechte Deines Kindes ein!

Quelle: https://www.anderes-sehen.de/akustische-orientierung-mobilitat/bauanleitung-fur-kinderlangstock/

Wie baust Du einen Kinderlangstock selbst?

Im Internet kursieren zahlreiche Beiträge und Anleitungen wie Du einen Kinderlangstock einfach selber bauen kannst. Willst Du meine persönliche Meinung dazu hören? Fang mit so einem Quatsch erst gar nicht an! Die Krankenkassen sind dazu verpflichtet Langstöcke zu finanzieren. Also hole dir direkt einen professionellen Langstock vom Fachhändler.

Wie kann ein Kinderlangstock zur Inklusion beitragen?

Blinde Kinder müssen und können alles lernen und verstehen, was auch sehende Kinder lernen und verstehen. Sie spielen, lernen und handeln wie ihre sehenden Altersgenossen. Eine besondere Förderung von Beginn an ist jedoch Voraussetzung dafür, dass dies gelingen kann. Ein möglichst früher Beginn mit einer spezialisierten Frühförderung für blinde Kinder und eine möglichst frühe Heranführung an den Kinderlangstock als Hilfsmittel sorgen dafür, dass blinde Kinder zu einem späteren Zeitpunkt nicht überfordert werden. Sonst droht beispielsweise beim Schuleintritt die Gefahr, dass von jetzt auf gleich sehr viele besondere Herausforderungen zusammen kommen: der erste Kontakt mit dem Langstock, das Orientierungs- und Mobilitätstraining, der erste Kontakt mit der Braille-Schrift und zusätzlich noch die „ganz normale“ Eingewöhnung in die Schule, wie sie jedes Kind durchleben muss. Das könnte alles viel einfacher sein!

Gelungene Inklusion

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine gelungene Inklusion ist, dass Kinder mit Beeinträchtigungen eben nicht im Zeitplan hinterher hinken. Sie sollten alles zum gleichen Zeitpunkt lernen und erfahren wie die anderen Kinder. Dazu gehört bei blinden Kindern, dass sie bereits in den ersten Jahren den Nutzen von Klicksonar kennen lernen. Ebenso sollte der erste Kontakt mit dem Langstock am besten schon vor dem Laufen stattfinden. Wenn ein altersgerechtes Orientierungs- und Mobilitätstraining bereits vor Schulbeginn stattgefunden hat, kann das Kind sich zum Zeitpunkt des Schulstarts bereits genauso selbstständig bewegen wie seine sehenden oder sehbehinderten Klassenkameraden. Außerdem sollten blinde Kinder schon vor Schulbeginn mit der Braille-Schrift in Kontakt kommen. Schließlich sind auch sehende Kinder jeden Tag mit Schrift konfrontiert und haben diese bereits erlebt, obwohl sie sie natürlich noch nicht im eigentlichen Sinne lesen können.

Inklusoin als gesellschaftliches Ziel

Inklusion ist ein wichtiges gesellschaftliches Ziel. Sie sollte in unserer Gesellschaft selbstverständlich werden. Jedes Kind, egal ob blind oder sehend, sollte wohnortnah zur Schule gehen können. Die Zahl der Schüler in der Klasse und die Zahl der anwesende Lehrer sollten es ermöglichen, jedes Kind individuell und passgenau zu fördern. Gerade für blinde Kinder sollte es ausreichend geeignetes Lehrmaterial geben, das barrierefrei gestaltet ist. Inklusion ist zunächst eine gesellschaftliche Haltung. Sie kann jedoch nicht ohne die entsprechenden finanziellen und materiellen Voraussetzungen gelingen. Inklusion bleibt ein hohler Begriff, wenn die erforderlichen Ausbildungen, Zusatzqualifikationen, Baumaßnahmen, Hilfsmittel und Materialien nicht vorhanden sind oder nicht finanziert werden. Wenn es jedoch gelingt, alle Menschen mit den nötigen Voraussetzungen auszustatten, kann ein gleichberechtigtes Leben und Lernen ermöglicht werden.

Für blinde Kinder bedeutet das: Eine frühe Versorgung mit allen notwendigen Hilfsmitteln trägt ganz wesentlich dazu bei, dass die Kinder sich später in der Schule gut orientieren können und nicht ausgeschlossen werden. Auch ein Kinderlangstock leistet hierzu einen wichtigen Beitrag.

Das Wichtigste in Kürze

  • Blinde Kinder sollten so früh wie möglich mit einem Kinderlangstock versorgt werden.
  • Ein Langstock dient der Orientierung und eigenständigen Mobilität eines blinden Menschen.
  • Der sichere Umgang mit dem Kinderlangstock erfordert ein intensives Training und viel Übung.
  • Bereits 1-jährige Kinder können einen Kinderlangstock als Tastwerkzeug benutzen.
  • Je früher sich ein Kind an einen Kinderlangstock gewöhnt, desto sicherer und selbstverständlicher wird es ihn auch später nutzen.
  • Der erste Kinderlangstock sollte in etwa der Körpergröße Deines Kindes entsprechen, einteilig und möglichst leicht sein.
  • Ab etwa 7 Jahren sollte der Stock etwa bis zur Nase des Kindes reichen.
  • Ab der Pubertät empfiehlt sich ein etwa kinnlanger Langstock.
  • Das Kind sollte spielerisch an die Nutzung des Kinderlangstocks herangeführt werden.
  • Die Frühförderung unterstützt Dich und Dein Kind bei der Gewöhnung an den Kinderlangstock.
  • Ab einem Alter von etwa 4-5 Jahren ist ein gezieltes Orientierungs- und Mobilitätstraining sinnvoll und empfehlenswert.
  • Kinderlangstöcke sind seit 2017 im Hilfsmittelkatalog der Krankenkassen gelistet.
  • Ein Kinderlangstock kann einen wichtigen Beitrag zur gelungenen Inklusion leisten.

Quellen und weiterführende Links

www.anderes-sehen.de (Verein zur Förderung blinder Kinder, letzter Aufruf 12.01.2019)

www.rehacare.de/cgi-bin/md_rehacare/lib/pub/tt.cgi/“Der_Kinderlangstock_ist_ein_Möglichmacher_–_die_Chance_selbstbestimmt_etwas_zu_erreichen“.html?oid=46501&lang=1&ticket=g_u_e_s_t (Interview mit Ellen Schweizer, Gründerin des Vereins Anderes Sehen e.V., letzter Aufruf 12.01.2019)

www.rehalehrer.de (Bundesverband der Rehabilitationslehrer/-lehrerinnen für Blinde und Sehbehinderte e.V., letzter Aufruf 12.01.2019)

www.dbsv.org (Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V., letzter Aufruf 12.01.2019)

www.sehhelfer.de (Versandhaus für besseres Sehen, letzter Aufruf 12.01.2019)

https://www.comde-derenda.com/produkte/einteilige-kinderlangstoecke/ (Vertrieb von Blindenhilfsmittel, letzter Aufruf 12.01.2019)

www.dbsv.org/zahlen-fakten-669.html#who-zahlen (letzter Aufruf 12.01.2019)

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