Marathon laufen

For those who can‘t

Marathon laufen

LINA RENNT

Die fast blinde Lina ist wieder in Bewegung und läuft am 15. März 2020 beim Barcelona Marathon. Für sich, für uns und für blinde Ballerinen in Brasilien. Warum sie das macht, was ihre Motivation ist und wie sie das alles schafft erzählt sie uns hier.

Ich bin Lina Maria, 36 Jahre alt und nenne seit nunmehr 27 Jahren die erblich bedingte Sehbehinderung der progressiven Zapfen- und Stäbchendystrophie meinen ständigen Begleiter. Ich bin fast blind, sehe nur noch knapp 5% und sage dennoch bewusst, dass ich nicht an der Sehbehinderung leide, sondern sie mich durch mein Leben begleitet. Es hat zugegebenermaßen etwas gedauert, aber heute sehe ich meine Behinderung nicht mehr als Verhinderung, sondern als einen Teil von mir, der mich zu dem Menschen gemacht hat der ich bin. Einen großen Teil meiner Stärke verdanke ich dem Umstand einen Weg durch das Leben mit meiner Behinderung finden zu müssen, meine Träume dennoch verfolgen und die mir gesetzten Ziele erreichen zu können. Es wäre falsch zu behaupten, dass es keine Momente gab, in denen ich voller Wut war. Wut, Verzweiflung und Enttäuschung, dass ich dieses Los im Leben gezogen habe. Aber in den Momenten, in denen ich noch nicht aus eigener Kraft heraus meine innere Stärke aufbauen konnte, hatte ich immer das Glück auf ein starkes soziales Netz aus Familien, Förderern und Freunden zurückgreifen zu können. Menschen, die mich ermutigt haben, weiter meinen Weg zu gehen, niemals aufzugeben und meine Träume im Fokus zu behalten. 

Als die Sehbehinderung damals diagnostiziert wurde, war es vor allem ein Satz aus dem Buch „der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry, den meine Mutter damals zu mir sagte und der mich bis heute begleitet und bestärkt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ In diesen Worten steckt so viel Wahrheit und sie machen einen erheblichen Teil meiner Einstellung zum Leben aus. Das ist auch ein Grund dafür, warum ich zusammen mit Chris Ley den Verein Open Your Eyes e.V. gegründet habe. Und es ist ein Grund dafür, warum ich meine Leidenschaft für das Laufen dazu nutze anderen Menschen zu helfen, die weniger Glück im Leben haben, als ich es von mir behaupten kann. Seit 2016 laufe ich regelmäßig bei Großveranstaltungen mit, um mehr Inklusion und Inspiration in unsere Leben zu bringen. Jedes Mal suche ich mir im Vorfeld ein Projekt raus, für das ich durch meinen Lauf Spenden sammeln möchte. Im kommenden Jahr ist es wieder soweit. Am 15. März 2020 laufe ich für blinde und stark sehbehinderte Kinder und Jugendliche in Brasilien beim Marathon in Barcelona mit. 80% der Spenden kommen der weltweit bekannten Ballettschule für Blinde der Fernanda Bianchini Association zugute, die Kindern und Jugendlichen seit 25 Jahren neue Chancen auf ein eigenständiges Leben ermöglicht. Die übrigen 20% gehen an unseren Verein Open Your Eyes e.V.

Viele werden sich jetzt vielleicht fragen „wie macht sie das? Wie läuft sie einen Marathon, wo sie doch fast blind ist?“ Hier kommen wir zu einem weiteren wichtigen Aspekt im Leben, den ich lernen musste und mit euch teilen möchte. Es mag für den ein oder anderen paradox klingen, aber um als Blinder oder Sehbehinderter ein eigenständiges Leben führen zu können ist es im ersten Schritt wichtig auch Hilfe anzunehmen. Ich fahre gerne Fahrrad, kann es aber nicht allein. Also habe ich mir gemeinsam mit einer Freundin ein Tandem gekauft. Ich liebe es zu laufen, also suche ich mir Menschen die bereit dazu sind mir ihre Augen dafür zu leihen. Eine Behinderung macht nicht einsam. Eine Behinderung sorgt dafür, dass man viele schöne Dinge im Leben mit besonderen Menschen teilen und sie gemeinsam erleben kann. Das ganze Projekt rund um den Marathon in Barcelona wäre für mich allein nicht machbar. Ich habe ein wunderbares Team aus einem engeren und einem weiteren Kreis um mich, dass mir durch ihre Hilfe die Möglichkeit gibt meine eigene, persönliche Freiheit zu leben. 

Das Kernteam besteht aus meinem Partner Jake Pietras und seiner Firma reptileworks., der alles rund um die digitale Welt federführend übernimmt, meiner guten Freundin Alexandra Uhlemann, die mit ihrer Firma DANNY OCEAN GmbH vor allem das Trikot und weitere Werbemittel entworfen hat und meiner Schwester Vivien Kotschedoff, die nicht zuletzt als Mitarbeiterin der DANNY OCEAN GmbH im Bereich Text und Social Media an meiner Seite steht. Nicht zu vergessen mein Trainerteam von Daniel Philipp, die meinen Trainingsplan bis zum Marathon erstellt haben und mich dreimal die Woche dabei begleiten. Abseits von der Organisation und den Medien, sind es vor allem ihre Herzen, mit denen sie zu 100% hinter mir und an meiner Seite stehen, jede freie Minute, die sie geben, um mich auf meinem Weg zu unterstützen. Ob durch eine kurze Textnachricht mit ermunternden Worten oder die Begleitung beim Laufen. Und dies gilt für jeden Menschen, der mich auf meinem Weg bis zur Ziellinie am 15. März 2020 in Barcelona in irgendeiner Form begleitet. So auch André Biakowski, ein Bekannter meines Freundes Florian Molzahn, ein weiterer wunderbarer Mensch, der mich unterstützt und den ich im Rahmen meiner Vorbereitung auf den Marathon kennenlernen durfte. André hat sich, ohne mich persönlich zu kennen, sofort als Guide für meinen Lauf beim Marathon zur Verfügung gestellt.

Mit dem Projekt LinaRennt in Barcelona möchte ich ganz im Sinne von Open Your Eyes – World Tour zeigen, dass einem als Blinder oder Sehbehinderter gar nicht so viele Grenzen gesetzt sind, wie man zu glauben meint. Es gilt einen Weg für sich zu finden und sich zu trauen Hilfe anzunehmen, um diesen Weg zu beschreiten. Gemeinsam sind wir stark und gemeinsam können wir diese Welt, vielleicht nicht für alle aber doch für viele zu einem besseren Ort machen.

Tags: , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Nullam fringilla velit, libero mattis pulvinar elit. id, Donec massa Aliquam